REHACARE 2026: Mit den Augen durchs Internet
Zum Ende des Monats der Unterstützten Kommunikation blicke ich auf die REHACARE 2026 zurück. Dort habe ich Fairtippt.de mit den Augen bedient und viel über Teilhabe gelernt.
- Veröffentlicht von: Thomas Schlößer
- Veröffentlicht am: 28.10.2026
Moin,
der Oktober ist International AAC Awareness Month, der internationale Monat der Unterstützten Kommunikation (UK). Der Aktionsmonat macht darauf aufmerksam, wie unterschiedlich Menschen kommunizieren und welche Unterstützung sie dafür nutzen. Initiiert wurde der Aktionsmonat 2007 von ISAAC , der Internationalen Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation.
Am Samstag, 26. September, war ich wieder in Düsseldorf. Ich besuchte zum zweiten Mal in Folge die REHACARE, eine internationale Fachmesse für Pflege, Rehabilitation und Hilfsmittel. Da ich außerplanmäßig nur einen Besuchstag zur Verfügung hatte, musste ich priorisieren. Ich hatte im Web vom internationalen Monat der Unterstützten Kommunikation (UK) erfahren und wollte bei meinem Besuch mehr darüber lernen. Ein Test führte mich ausgerechnet auf meine eigene Website. Ich navigierte Fairtippt.de ausschließlich mit den Augen. Vieles funktionierte erfreulich gut, aber eine fehlende Navigationshilfe machte mir auch deutlich, wie schnell eine vermeintliche Kleinigkeit zur großen Barriere werden kann.
Unterstützte Kommunikation (UK) ermöglicht eigene Entscheidungen und Teilhabe
Unterstützte Kommunikation ergänzt oder ersetzt Lautsprache, wenn diese allein nicht ausreicht. Die englische Abkürzung AAC steht für Augmentative and Alternative Communication. Dazu gehören beispielsweise Gesten, Symboltafeln und elektronische Kommunikationshilfen.
Es geht darum, eigene Gedanken, Wünsche und Entscheidungen ausdrücken zu können. Auch Zuneigung, Widerspruch oder ein Witz gehören dazu. Der Vortrag „Unterstützte Kommunikation und Teilhabe für jeden: Mit und ohne schriftsprachliche Fähigkeiten“ von Tobias Bührs, Trainer DACH bei Tobii Dynavox , zeigte Möglichkeiten mit Finger, Taster und Augensteuerung. Viele Formen der Unterstützten Kommunikation lassen sich auch ohne Lese- und Schreibkenntnisse nutzen.
Bei den gezeigten Lösungen werden Tablet-Hardware, Technik für die Augensteuerung und passende Software kombiniert. Je nach Modell läuft darauf iPadOS oder Windows. Kommunikations-Apps ermöglichen es, Symbole auszuwählen oder Text einzugeben und daraus eigene Aussagen über eine Sprachausgabe hörbar zu machen. Die Augensteuerung ist dabei eine Möglichkeit, die Geräte und ihre Anwendungen zu bedienen.
Nach dem Vortrag wollte ich die Geräte selbst ausprobieren. Am Stand von Tobii Dynavox schaute ich sie mir an und fragte Tobias, ob ich eines testen dürfte. Er nahm sich Zeit, erklärte mir die Bedienung und begleitete meine ersten Versuche. Danke für Deine Zeit.
Wörter zuverlässig wiederfinden
Während Tobias noch in einem Gespräch war, schaute ich mir am Stand das symbolbasierte Seitenset TD Snap Motor Plan an. Es ist auf häufig benötigte Wörter und den Aufbau eigener Sätze ausgerichtet. Laut Hersteller hat jedes Wort einen eindeutigen Auswahlweg. Wiederkehrende Abläufe sollen dabei helfen, Wörter mit der Zeit leichter wiederzufinden.
Die eigene Stimme digital bewahren
Zur Unterstützten Kommunikation gehört auch die Möglichkeit, die eigene Stimme digital zu bewahren. Der Begriff dafür ist Voice Banking, auch Stimmensicherung genannt. Dafür werden Sätze eingesprochen, aus denen eine persönliche synthetische Stimme entsteht. Diese kann später auch neue Texte vorlesen, die zuvor nicht aufgenommen wurden.
Das kann wichtig werden, wenn sich die Sprechfähigkeit durch eine Erkrankung verändern könnte oder ein Verlust der Stimme droht, etwa durch ALS (amyotrophe Lateralsklerose), Parkinson oder Krebserkrankungen. Auch vor einer geplanten Entfernung des Kehlkopfs kann Stimmensicherung infrage kommen. Der britische Fachverband für Sprachtherapie (RCSLT) empfiehlt, die Möglichkeiten frühzeitig zu besprechen, möglichst bevor sich das Sprechen deutlich verändert.
Die synthetische Stimme kann anschließend in einer kompatiblen Kommunikationshilfe genutzt werden. Sie nähert sich dem persönlichen Stimmklang an. Für mich ist das ein wichtiger Aspekt von Selbstbestimmung, denn auch wie eine Äußerung klingt, gehört zur eigenen Identität.
Fairtippt.de mit den Augen bedienen
Die Lösungen von Tobii Dynavox nutzen bekannte Betriebssysteme und werden mit angepasster Hard- und Software für die Unterstützte Kommunikation ausgestattet. Das TD Pilot basiert beispielsweise auf einem iPad mit iPadOS, ergänzt um Augensteuerung, Lautsprecher und Kommunikationssoftware. Ich testete die Windows-basierte TD I-Series , ein Gerät in Tabletform mit integrierter Augensteuerung und Software für unterschiedliche Aufgaben.
Auf diesem Gerät lief bei meinem Test der herstellereigene Web-Browser TD Browse . Er wurde für die Bedienung mit den Augen entwickelt. Neben den Apps für die Unterstützte Kommunikation können Menschen damit auf demselben Gerät auch Websites besuchen, Informationen suchen und Online-Angebote nutzen. Der Browser ist also eine Anwendung innerhalb dieser Lösung. Vor dem Start wurde die Augensteuerung auf mich kalibriert. Auch mit Brille war das kein Problem und hat nur ein paar Sekunden gedauert.
Der Name Tobii war mir übrigens schon aus dem Gaming-Bereich bekannt, nämlich vom Euro Truck Simulator 2 auf dem PC. Bei dieser Lkw-Simulation ist es auch möglich, sich mit Hard- oder Software von Drittanbietern per Augensteuerung umzuschauen. Das erhöht nicht nur die Immersion, sondern kann auch eine Bedienhilfe sein. Auf der Messe lernte ich nun eine Anwendung kennen, bei der die Augensteuerung den Zugang zu Kommunikation und digitalen Angeboten ermöglicht. Als Hilfsmittel muss die Technik auf die Bedarfe der Menschen und ihre alltägliche Nutzung ausgerichtet sein.
Aller Anfang war schwer
Nach der Kalibrierung ging es dann auch schon los. Ich fragte, ob ich nicht als Praxis-Test meine eigene Website besuchen dürfte. Anfangs hatte ich noch ein paar Probleme bei der Navigation und musste das Bedienkonzept erst verinnerlichen. Indem ich ein Element länger ansah, konnte ich Buchstaben auf der Bildschirmtastatur auswählen, ein Menü öffnen oder einen Button betätigen. Am rechten Bildschirmrand wechselte ich zwischen Klicken und Scrollen. Ein Blick an den unteren Rand öffnete weitere Optionen, unter anderem zum Pausieren der Augensteuerung.
Anfangs reagierte die Auswahl für mich viel zu schnell. Schon ein aus meiner Sicht kurzer Blick in die Adresszeile konnte deshalb eine ungewollte Aktion auslösen. Nachdem wir die Einstellung angepasst hatten, kam ich als ungeübter Nutzer deutlich besser zurecht. Die Steuerung empfand ich als sehr präzise.
Auch der Wechsel zwischen Klick- und Scroll-Modus war für mich zunächst ungewohnt. Die Trennung der Funktionen fand ich sinnvoll, doch ich musste erst lernen, den gerade aktiven Modus zu erkennen. Das neue Bedienkonzept und die vielen Eindrücke machten mir die Orientierung anfangs nicht leicht.
Die Darstellung unserer Website machte zunächst einen guten Eindruck. Ich konnte die großen, eindeutig beschrifteten Navigationselemente zuverlässig treffen. Bei dicht beieinanderliegenden Elementen bot der Browser zusätzliche Auswahlpunkte an. Linien verbanden die Elemente mit verschiedenfarbigen Kreisen, die ich ansehen und somit das entsprechende Element anklicken konnte. Für sehr kleine Bedienelemente gibt es außerdem eine Vergrößerungshilfe, aber die brauchte ich hier nicht.
Als Anregung gab ich mit, die farbigen Auswahlpunkte zusätzlich mit Ziffern zu kennzeichnen. Aus meiner Sicht könnte das die Zuordnung erleichtern und neben Farbe und Position eine weitere Orientierungshilfe bieten. Im Gespräch wurde auch deutlich, wie hilfreich technisch sauber aufgebaute Websites für solche Zugangswege sind. Gute Struktur, ausreichend große Bedienelemente und eine verständliche Navigation machen einen echten Unterschied.
Eine Barriere auf unserer Website
Beim Test hab ich verschiedene Seitentypen besucht, durch das Menü navigiert und mir von Tobias ein paar Hilfen erklären lassen. Beim Lesen eines Blogbeitrags wollte ich auf einer längeren Seite wieder nach oben gelangen. Bisher gab es am Ende einer jeden Seite einen entsprechenden Button. Da meine Blogbeiträge jedoch ziemlich lang werden können (sorry dafür), hilft ein Button ganz unten aber wenig, wenn ich bereits mitten im Artikel keine Lust mehr habe, weiterzulesen.
Das war mir ehrlich gesagt ein bisschen peinlich. Wir haben viel Zeit in die Zugänglichkeit der Website investiert und ich merkte nun selbst, wie schwierig die Navigation durch das Fehlen eines dynamischen Buttons war. Zu Hause habe ich deshalb noch am selben Abend einen „Zum Anfang“-Button implementiert. Er erscheint beim Herunterscrollen und bleibt immer erreichbar.
Der kurze Test hat mir eine konkrete Hürde gezeigt und verdeutlicht, wie wichtig es ist, unterschiedliche Bedienweisen, Bedarfe und Lebensrealitäten zu berücksichtigen. Deshalb möchte ich Gelegenheiten wie die REHACARE immer wieder nutzen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, auszuprobieren, zuzuhören, Rückmeldungen aufzunehmen und Verbesserungen umzusetzen. Auch wenn ich schon einen sehr guten Überblick über gestalterische, technische und inhaltliche Barrieren habe, lerne ich nie aus.
Zugänglichkeit ist eine gemeinsame Aufgabe
Eine Website muss mit unterschiedlichen Bedienweisen funktionieren. Technische, gestalterische und inhaltliche Anforderungen helfen dabei, Barrieren systematisch zu erkennen und abzubauen. Ob ein Angebot im Alltag verständlich und gut bedienbar ist, lässt sich besonders im Austausch mit den Menschen prüfen, die es nutzen sollen.
Deshalb ist es wichtig, Menschen aus der Zielgruppe mit unterschiedlichen Bedarfen und Lebensrealitäten in die Prüfung einzubeziehen. Ihre Rückmeldungen zeigen, wo eine Bedienung unklar bleibt, eine Information fehlt oder ein Ablauf unnötig viel Aufwand verlangt.
Das kenne ich auch aus meiner Arbeit als Übersetzer für Leichte Sprache und Einfache Sprache . Wir lassen die Texte immer durch Menschen aus der Zielgruppe prüfen. Die Prüfpersonen zeigen uns, welche Formulierungen sie verstehen und wo Erklärungen fehlen. Mit ihren Rückmeldungen überarbeite ich die Texte und lerne selbst dazu.
Auch bei unseren Leistungspaketen für Unternehmen und öffentliche Stellen unterstützen uns echte Menschen mit echten Erfahrungen, Bedarfen und Lebensrealitäten.
Rocket League mit dem QuadStick
Ein weiterer Höhepunkt des Bühnenprogramms war für mich Dennis Winkens alias WheelyWorld. In seinem Beitrag „Aus eigener Erfahrung – Warum (barrierefreies) Gaming mehr ist als nur bunte Bilder anzuschauen.“ erzählte er vom Spielen ohne den Einsatz seiner Hände und verglich verschiedene Controller.
Besonders interessant fand ich den QuadStick . Dennis erklärte uns, wie er den Controller konfiguriert hat und damit spielt. Der Controller lässt sich mit dem Mund bedienen. Bewegungen am Joystick sowie Saugen und Pusten werden in Spieleingaben übersetzt.
Bei Rocket League wurde ich besonders hellhörig. Dennis erzählte von rund 1.500 Spielstunden und wir haben ein Video seines Gameplays gesehen. Ich spiele Rocket League selbst seit 2015 und bin bei einer reinen Ingame-Spielzeit von 1.245 Stunden. Ich weiß, wie anspruchsvoll die Steuerung werden kann, weil mehrere Eingaben gleichzeitig oder schnell hintereinander nötig sind. Es war sehr cool, sein Gameplay zu sehen und seine Herangehensweise kennenzulernen, danke dafür. Wer ihm beim Spielen zuschauen möchte, findet WheelyWorld auf Twitch .
Das Gespräch zeigte für mich auch, warum Gaming zur Teilhabe gehört. Gemeinsam spielen, austauschen, besser werden und einfach eine gute Zeit haben. Einige Spiele bieten mittlerweile auch softwareseitige Bedienhilfen an, die sehe ich manchmal in den Menüs. Wie gut die sind, kann ich aber schlecht beurteilen.
Teilhabe am Arbeitsplatz und im Alltag
Am Stand des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) ging es um eine andere Form der Teilhabe: Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen. Mich interessierte, wie ich solche Arbeitsplätze in einigen Jahren bei Fairtippt schaffen könnte und welche Unterstützungsangebote für meine Kundschaft möglich sind. Ich erhielt Infomaterial und die Kontaktdaten von zwei Ansprechpersonen für die weitere Umsetzung. Der LVR bündelt seine Beratungsangebote für Arbeitgebende auch online.
Am Gemeinschaftsstand des Bundesverbands für körper- und mehrfachbehinderte Menschen ( bvkm ) sammelte ich außerdem Informationen zum Bundesverband Konduktive Förderung nach Petö ( BKF ), zur Stiftung Pfennigparade und zum Zentrum für Konduktive Förderung in Oberhausen . Danke für den unermüdlichen Einsatz!
Technischer Fortschritt schafft neue Möglichkeiten
Durch das Bühnenprogramm lernte ich auch das Exoskelett ReWalk 7 von Lifeward kennen. Vorgestellt wurde, wie das System Menschen mit Querschnittlähmung beim Stehen und Gehen unterstützen kann. Welche Versorgung passt, hängt von den persönlichen Zielen und Voraussetzungen ab. Ich war überrascht, was heute bereits möglich ist. Ich bin gespannt, welche weiteren Möglichkeiten Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz und Energiespeichertechnik eröffnen.
Zugänglichkeit beginnt auf dem Weg zur Messe
Im letzten Jahr habe ich gesehen, wie am Düsseldorfer Hbf zusätzliches Personal beim Ein- und Aussteigen geholfen hat. Das habe ich in diesem Jahr nicht wahrgenommen, vielleicht ist das nur in fest definierten Zeitfenstern so? Ich stieg an der Haltestelle Stockumer Kirchstraße / Messe Ost aus. Dort sind mir die Orientierungshilfen vor Ort positiv aufgefallen, ich bemerkte ein Blindenleitsystem und die Beschilderung führte zuverlässig zum Eingangsbereich. Auf dem Gelände selbst gab es viel Platz, breite und aufgeräumte Wege sowie zugängliche Toiletten.
Danke für die Gespräche und bis zum nächsten Jahr
In meiner Messe-Vorschau zur REHACARE 2026 hatte ich mir deutlich mehr vorgenommen. Wegen anderer Termine und des Tagesgeschäfts klappte es dieses Jahr leider nur am Samstag. Das war ein bisschen schade, denn es gab noch so viel zu entdecken. Trotzdem bin ich mit vielen Eindrücken, neuen Kontakten und einer ganz konkreten Verbesserung für meine Website nach Hause gefahren.
Danke an alle, die ihre Zeit, ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit mir geteilt haben. Genau dieser Austausch macht die Messe für mich so wertvoll.
Ich freue mich schon auf die nächste REHACARE und plane dann mehrere Tage für meinen Besuch ein. Wir sehen uns!
Herzliche Grüße
Thomas Schlößer